Digitalisierung des kommunalen Infrastrukturausbaus – eine Utopie?
In meinem Netzwerk von Baufachleuten, die sich intensiv mit Digitalisierung und Automatisierung von Prozessen beschäftigen, fällt häufig ein Satz:
„Wir reden seit Jahrzehnten über die Digitalisierung im kommunalen Bauen – und arbeiten vielerorts noch wie in den 80er-Jahren.“
Ist das übertrieben? Leider nicht.
Der Stand der Dinge
Ein Blick auf das Onlinezugangsgesetz (OZG) zeigt: Vieles stockt.
Zahlreiche Pilotprojekte wurden als Leuchttürme angekündigt, konnten aber keine Standards etablieren.
Natürlich gibt es auch positive Beispiele: erfolgreiche Plattformen im Vergabewesen, digitale Leitungsauskunftssysteme oder den Einsatz von KI in der Kanalzustandserfassung, die spürbare Arbeitserleichterung bringen.
Aber insgesamt geht es zu langsam. Die Herausforderungen im Infrastrukturausbau sind enorm – und dennoch treten wir auf der Stelle.
Das eigentliche Problem: Der Mensch
Meiner Ansicht nach liegt die Ursache darin, dass der Mensch im Prozess zu wenig wertgeschätzt wird.
Die Informationstechnik vermittelt oft den Eindruck, Fachkräfte ließen sich einfach ersetzen oder austauschen.
Das widerspricht jedoch der Baukultur, die über Jahrhunderte von Handwerkskunst, Ingenieurkunst und Zusammenarbeit geprägt war.
Digitalisierung wirkt kühl und technokratisch.
Doch gerade in Bauprojekten, wo viele Fachdisziplinen ineinandergreifen, wo Dynamik und tägliche Veränderungen – sei es durch Planung, Koordination oder schlicht das Wetter – zum Alltag gehören, bleibt der Mensch der entscheidende Faktor.
Baukultur als Schlüssel
Früher sprach man von Baukultur oder Zusammenarbeitskultur. Rituale wie Spatenstich oder Richtfest waren mehr als Tradition – sie stärkten das Miteinander und würdigten den Beitrag aller Beteiligten.
Vielleicht fehlt uns heute genau diese Kulturbasis. Ohne sie bleibt die Digitalisierung kalt und unvollständig.
Wenn wir es schaffen, die Menschen in den Mittelpunkt zu stellen und die digitale Transformation mit einer echten Zusammenarbeitskultur zu verbinden, dann könnte die Digitalisierung des kommunalen Infrastrukturausbaus doch noch Realität werden – und wäre keine Utopie mehr.
Ihr und euer
Markus Becker